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Theosophie entdecken

13 – Die immerwährende Philosophie

Diese Lehren sind also nicht neu; es sind keine heutigen Erfindungen, sie wurden vielmehr schon vor langer Zeit gebracht, wenn auch nicht so klar ausgedrückt. Unsere Lehren sind die Erklärung jener früheren; und die Tatsache, dass diese Lehren alt sind, kann von Platons eigenen Schriften bezeugt werden.

– Plotin, Enneaden, V. 1, 8

In einem der Dialoge Platons, dem Symposium (§202-204), kommt der eindrucksvolle Gedanke vor, dass die Liebe die Mitte zwischen Unwissenheit und Weisheit ist, der Mittler zwischen den Menschen und Göttern und dass wir spirituelles Verständnis durch Liebe erreichen.

Auch Paulus sprach in einem der schönsten Abschnitte der Bibel von der Liebe, indem er sagte: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte, wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ Es ist – treu dem Gebot seines Meisters: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.“ Im Buddhismus bezeichnet man den idealen Menschen, den Bodhisattva, der zur hinter den Illusionen des Lebens stehenden Wirklichkeit „erwacht“ ist, als jemand, der das „große, liebende Herz“ besitzt. Er hat das „andere Ufer“ der Erleuchtung erreicht, geleitet und gestärkt durch die Vervollkommnung der beiden wichtigsten Tugenden der buddhistischen Philosophie – Karuna und Prajnā, „Liebe“ und „unterscheidende Weisheit“, aus Altruismus geboren.

Das gleiche Thema durchdringt das Wort Philosophie – das eine Erfindung von Pythagoras sein soll –, denn das Wort besteht aus zwei griechischen Wurzeln: Philos, „Liebe“ und Sophia, „Weisheit“. Obwohl das Wort gewöhnlich mit „Liebe zur Weisheit“ übersetzt wird, kann Philosophie genauso gut die Weisheit der Liebe bedeuten oder alternativ „liebende Weisheit“ sein. Unter den verschiedenen griechischen Ausdrücken für Liebe bezeichnet jeder einen anderen Aspekt; Philos und sein verwandtes Philia bedeuten zugleich Freundschaft und Zuneigung – wie bei der Philanthropie, die „Liebe zum Menschen“, die zu Barmherzigkeit führt, und Philadelphia, „brüderliche Liebe“. Theon von Smyrna (2. Jahrhundert n. Chr.) schrieb, dass die Philosophie mit der Einweihung in die Mysterien verglichen werden kann, wovon der letzte Teil oder der krönende Erfolg die „Freundschaft und die innerliche Vereinigung mit der Gottheit ist“.

Auf diese Weise können wir sehen, dass das Hauptziel der griechischen Philosophie – wie im Buddhismus und im Christentum – darin bestand, sich in Liebe und Weisheit zu vervollkommnen, als Mittel, um mit der Quelle des Lebens eins zu werden. Außerdem bedeutet jede dieser Überlieferungen, dass die spirituelle Suche eigentlich mit Liebe beginnt und in Weisheit endet; dass die Tore zum Herzen des Wesens sich jenen öffnen, die ergriffen sind von der Leidenschaft nach Wahrheit und einem tiefen Interesse für das Wohlergehen aller. „Zum Wohle der Menschheit zu leben ist der erste Schritt“ – das ist eine universale, immerwährende Botschaft. Ebenso anhaltend ist die Suche der Menschheit nach einer einigenden und rettenden Weisheit.

Die Vorstellung von einer immerwährenden Philosophie, von einem gemeinsamen Nenner – oder besser von einem höchsten gemeinsamen Faktor –, der die Grundlage der Wahrheit in den vielen religiösen, philosophischen und wissenschaftlichen Gedankensystemen der Welt ist, ist mindestens Tausende von Jahren alt. Der römische Staatsmann und Philosoph Cicero erwähnt zum Beispiel, als er von der Existenz der Seele nach dem Tod spricht, dass er damit nicht nur als Autorität für die gesamte Antike spricht, sondern auch die Lehren der griechischen Mysterien und der Natur auf seiner Seite habe, und dass „diese Dinge bereits sehr alt seien und dazu von der universalen Religion bestätigt würden“ (Tusc. Disp. I.12-14).

Es war jedoch der deutsche Philosoph Leibniz, der im 17. Jahrhundert den lateinischen Ausdruck philosophia perennis populär machte. Er benutzte ihn um zu beschreiben, was notwendig war, um sein eigenes System zu vervollständigen. Das Ziel war eine eklektische Analyse der Wahrheit und der Unwahrheit aller Philosophien, der alten und der modernen, mit deren Hilfe man „das Gold von der Schlacke, den Diamanten von der Kohle und das Licht vom Schatten trennen kann; und das wäre eigentlich eine Art immerwährender Philosophie“. Ein ähnliches Ziel der Versöhnung verschiedener religiöser Philosophien wurde von Ammonius Saccas angestrebt (3. Jahrhundert n. Chr.), der Plotinus und die neuplatonische Bewegung anregte.

Leibniz behauptete jedoch nicht, den Ausdruck erfunden zu haben. Er sagte, er habe ihn in den Schriften von Augustinus Steuchus gefunden, einem Theologen des 16. Jahrhunderts, den er für einen der besten christlichen Schriftsteller aller Zeiten ansah. Steuchus beschrieb die immerwährende Philosophie als die ursprünglich enthüllte absolute Wahrheit, die dem Menschen vor seinem Fall bekannt gegeben wurde, welche dann in völlige Vergessenheit geriet und in der späteren Geschichte des menschlichen Denkens nur allmählich und unvollständig wiedererlangt wurde.

In neuerer Zeit (1945) stellte Aldous Huxley eine Auswahl aus religiösen und mystischen Überlieferungen der ganzen Welt zusammen, worin viele charakteristische Merkmale enthalten sind, die mit der „Philosophie der Philosophien“ übereinstimmen. In seinem Vorwort definiert er es folgendermaßen:

Philosophia perennis – … jene Metaphysik, welche eine göttliche Wirklichkeit als unabdingbar für die Welt der Dinge, des Lebens und Denkens erachtet. Sie ist jene Psychologie, die in der Seele etwas der göttlichen Realität Ähnliches oder sogar damit Identisches erkennt. Sie ist jene Ethik, die das letzte menschliche Ziel in die Erkenntnis der immanenten und transzendenten Grundlage allen Seins legt – in das, was unsterblich und universal ist. Bruchstücke dieser immerwährenden Philosophie können in der überlieferten Tradition primitiver Völker in jeder Region der Welt gefunden werden, in ihren vollentwickelten Formen findet sie sich in jeder bedeutsamen Religion.

Huxley wies darauf hin, dass er sich beim Zusammenstellen seines Buches nicht an die Schriften „professioneller“ Philosophen gehalten habe, sondern an einige jener seltenen Individuen in der Geschichte, die – wie er sich ausdrückt – sich dazu entschlossen haben, bestimmte Bedingungen zu erfüllen: „Sich selbst zu liebenden Menschen zu machen, die reinen Herzens und geistig arm [bescheiden] sind“ – wodurch es ihnen gelang, die göttliche Wirklichkeit unmittelbar zu erfassen. Er meinte, wenn man kein Weiser oder kein Heiliger sei, dann sei das Beste, was man tun könnte, „die Werke jener zu studieren, die Wissen von übermenschlicher Art und Bedeutung erlangen konnten, weil sie ihre rein menschliche Lebensweise umgewandelt hatten“.

Es ist nicht so außergewöhnlich, dass die inneren Lehren jeder größeren spirituellen Philosophie ähnlich sind, auch wenn die Überlieferungen geografisch, kulturell und durch große Zeiträume voneinander getrennt sind. Es war doch dieselbe Theosophia oder göttliche Weisheit, die von jedem Weisen und Lehrer universal verkündet wurde, dieselbe „unerschöpfliche, geheime, ewige Lehre“, die Krishna vor Äonen Vivasvat (der Sonne) enthüllt hatte, und die von Zeitalter zu Zeitalter periodisch weitergegeben wurde (Bhagavad Gītā, Kap. 4).

Die umfassendste moderne Darstellung dieser „Theosophia perennis“, mit den Beweisen für die Verbreitung der Theosophie in jedem Zeitalter auf der ganzen Welt, kann man in den Schriften von H. P. Blavatsky finden, insbesondere in ihrem großen Werk Die Geheimlehre, mit dem Untertitel „die Synthese von Wissenschaft, Religion und Philosophie“. Sie selbst wurde von weiter fortgeschrittenen Schülern unterrichtet. Sie schrieb, dass

die in diesen Bänden, wenn auch noch so fragmentarisch und unvollständig enthaltenen Lehren, weder der indischen, der zoroastrischen, der chaldäischen oder der ägyptischen Religion, noch dem Buddhismus, Islam, Judentum oder Christentum ausschließlich angehören. Die Geheimlehre ist die Essenz von allen diesen. Die in ihrem Anbeginn aus ihr entsprungenen verschiedenen religiösen Systeme werden nunmehr in ihr ursprüngliches Element zurückgeleitet, aus dem jedes Mysterium und Dogma entsprossen ist, sich entwickelt hat und materialisiert wurde.

– 1:XXV

Neben der Ausarbeitung der fundamentalen Lehren und dem Hinweis auf die Analogie dieser Lehren in der Natur, erklärt H. P. Blavatsky, wie das geheime „Wissen von göttlichen Dingen“ der Menschheit „enthüllt“ und im Lauf der Geschichte periodisch erneuert wurde. Indem sie sich auf ein historisches Ereignes bezieht, allegorisch dargestellt in der Erzählung vom Garten Eden, in der Mythe vom Feuer des Prometheus und auch in der hinduistischen Überlieferung vom Abstieg der Mānasaputras („Söhne des Denkens“) schildert sie, wie vor etwa 18 Millionen Jahren göttliche Wesen, „vervollkommnete“ Menschen aus früheren Zyklen, Bewohner höherer, unsichtbarer Sphären des kosmischen Lebens, einen Teil ihres Bewusstseins mit der entstehenden Menschheit verschmolzen und sie mit überlegender Intelligenz entflammten. In diesem Akt des Opfers und der evolutionären Notwendigkeit prägten sie die „plastische Denksubstanz“ der Menschheit wichtige Wahrheiten über das Leben unauslöschlich ein, so dass sie nie wieder völlig verloren gehen konnten. Das ist auch das Grundprinzip Platos, dass Lernen eigentlich ein Prozess der „Reminiszenz“ ist – ein „Erinnern“ oder „Wiederentdecken“ von ursprünglichem Wissen, das in den unsterblichen Teil der Seele eingebettet ist.

Seit jenen uralten Zeiten ist in jedem Teil der Erdkugel regelmäßig versucht worden, die Weisheitstradition wieder herzustellen, und zwar vor allem aus zwei Gründen: Erstens wegen der zersetzenden Kräfte, die mit der Zeit jede Darstellung entstellen. Man erinnert sich nur noch unvollständig an die ursprünglichen, in der Regel mündlich überlieferten Lehren, oder vergisst sie gar, Texte gehen verloren. Kopien und Übersetzungen werden editiert, Wortbedeutungen ändern sich, und die Menschen legen Essenzielles oft falsch aus oder übersehen es.

Der zweite und zwingendere Grund ist der, dass mit der Evolution der Menschheit sich auch ihre Bedürfnisse entwickeln; und wenn der gemeinsame Ruf aus den menschlichen Herzen stark genug ist, erfolgt von der richtigen Seite eine Antwort, welche die Bedürfnisse des dann beginnenden Zyklus erfüllen wird. Es ist allgemein bekannt, dass die Messiasse, Avataras, Buddhas, Propheten und die von „Gott Unterwiesenen“ in allen Völkern als Reformer und Überbringer kamen, nicht als Begründer von irgendetwas Neuem – bis auf das „irdische Gewand“, in dem sie es brachten, das aus dem zur Verfügung stehenden Material gewoben war. Es ist aber auch zu beachten, dass die Boten selten von ihren Zeitgenossen erkannt wurden, und auch die Bedeutung ihrer Botschaft wurde nicht voll verstanden. Jede Neuerung zieht Opposition an; mächtige Drachen umgeben den Gral.

Wie jedes andere auch ist unser eigenes Zeitalter überreich an „falschen Propheten“, deren oft beeindruckende Mischung von Wahrheit und Irrtum viele auf unproduktive, sogar gefährliche Abwege geführt hat. Wie sollen wir dann, mögen wir fragen, zwischen dem, was unverfälscht aus dem Spirituellen kommt und der Spreu unterscheiden? Obwohl dazu ein ausdauerndes und unterscheidendes Studium benötigt wird, können wir die Prüfung des Immerwährenden und der Universalität anwenden: Wurde die Lehre eindeutig von allen großen spirituellen Weltlehrern dargelegt oder impliziert? Und was ebenso wichtig ist, trägt sie das Kennzeichen des Geistes: Ist sie ein Aufruf an die selbstlose, altruistische Seite unserer Natur?

Das Universum, physisch und metaphysisch, ist insgesamt eine Realität; der einfachen Logik entsprechend kann es aber nur eine Wahrheit geben, wie begrenzt, verschieden und scheinbar abweichend ihr Ausdruck in der menschlichen Sprache auch sein mag. Der trennende Einfluss der dogmatischen Theologien, einschließlich der Wissenschaft und der Philosophie, in dem Versuch, die Wahrheit unter irgendeiner Flagge für sich in Anspruch zu nehmen, kann das menschliche Wohl nur negativ beeinflussen.

Vielleicht ist es am besten zu bedenken, dass die meisten von uns sich, wie die Liebe, „in der Mitte“ zwischen Unwissenheit und Weisheit befinden. Wenn wir auch nur eine Andeutung haben, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt, über die wir mehr wissen möchten, oder wenn wir nur danach streben, eine aktive Kraft für das Gute in der Welt zu sein, aber eine Philosophie benötigen, die uns helfen kann, die Stürme des Lebens und auch die Depressionen durchzustehen, können wir zuversichtlich sein, dass es ein solches Wissen gibt, das sowohl das Herz wie auch den Intellekt befriedigt. Die Menschheit ist der barmherzigen Führung durch die Götter nicht beraubt und ist es auch nie gewesen. Sie und ihre irdischen Repräsentanten haben stets den Kompass der liebevollen Weisheit als sichersten Führer zu unserer Bestimmung angeboten. Wenn wir dem Kurs folgen, der von diesen vorausgegangenen Wanderern vorgezeichnet wurde, werden wir nicht nur entdecken, was im Leben wahr ist und was nicht; wir werden uns auch geeignet machen, die immerwährenden Qualitäten des Geistes zum Ausdruck zu bringen.