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Unsere menschliche Verpflichtung

So folge dem Lebensrade, folg' dem Rad der Pflicht, die Du der Rasse und dem Stamm, dem Freund und Feinde schuldig bist.

- Die Stimme der Stille

 

 

 

Wenn wir an die Millionen Menschen hier auf Erden denken, an ihre Bemühungen und ihre Konflikte, an das verschlungene Gewebe ihrer Gedanken, Gefühle und Taten, das jeder einzelne für sich wirkt, so fühlt man, daß es für das alles einen Grund geben muß, der über ein einzelnes Leben hinausreicht. Ganz gewiß ist der Mensch ein sehr alter Pilger, seine heutigen Verantwortungen können über Millionen Jahre bis zu der Zeit, als er mündig wurde, zurückverfolgt werden - so wie es in der Prometheussage und in anderen Mythen berichtet wird. Gottgleiche Wesen, manchmal Lichtbringer genannt, erweckten den schlafenden Geist der jugendlichen Menschheit, lehrten sie spirituelle Wahrheiten, Künste und Wissenschaften und bereiteten sie darauf vor, persönlich verantwortliche Wesen zu werden, die fähig sind, die Richtung ihres Handelns zum Guten oder zum Bösen selbst zu wählen.

Nachdem wir die Kluft zwischen Bewußtsein und Selbstbewußtsein überbrückten, haben wir auch gewisse Verpflichtungen, die mit Recht zu diesem Entwicklungsstand gehören. Eine dieser Verpflichtungen besteht darin, daß wir unsere innewohnende Dualität verstehen und außerdem begreifen lernen, daß das Gemüt (mind) der Angelpunkt unseres Menschseins ist, durch das sich unsere verschiedenen Wünsche und Bestrebungen ausdrücken. Der Verstand (mind) kann durch die niederen Impulse herabgezogen werden, aber wenn er will, kann er auch ein geeignetes Instrument für die Seele und die höheren, unmittelbar erkennenden Fähigkeiten werden. Der innere oder "verborgene" Mensch oder "der Mensch, der mehr als Mensch ist", wie Sophokles ihn nannte, entzieht sich für immer dem allgemeinen Verständnis - er bleibt unmeßbar, unfaßbar.

Die heilige Schrift der Hindus, die Bhagavad-Gita, beschäftigt sich im wesentlichen mit unserem menschlichen Dharma - unserer Pflicht und unserem Lebensweg. Sie betont, wie notwendig es ist, das Rad des Lebens oder der "Pflicht" in Schwung zu halten, indem wir die niederen Elemente in unserer Natur ausmerzen; und daß derjenige, der nur allein für sich selbst lebt und nicht hilft, das Rad in Gang zu halten, vergebens gelebt hat. Sie begründet unsere wahre Verantwortung und ist praktisch ein Geheiß, spirituell zu handeln. Sie macht es dem Menschen zur Pflicht, den Pfad der inneren Erleuchtung zu suchen, indem er Schritt für Schritt dem mittleren Weg folgt, im Dienst für andere, in Demut und indem er sich innerlich von den Ergebnissen seines Handelns frei macht.

In seinen Kommentaren zur Gita1 erklärt William Q. Judge, daß alles in der Natur seinem bestimmten Dharma folgt. Nur in einer Hinsicht ist der Mensch einzigartig, weil er, indem er die menschliche Erkenntnisfähigkeit erlangte, einen Riesenschritt vorwärts getan hat und damit einen Abgrund überschritt, der jetzt für immer hinter ihm liegt; eine Kluft zwischen ihm und dem Tierreich, das unter ihm steht. Dieser Schritt kann nicht rückgängig gemacht werden, denn er spiegelt im Bewußtsein das Universalgesetz wider, das in der Systole (Zusammenziehung des Herzmuskels) und Diastole (Rhythmische Erweiterung der Herzkammer) im Kreislauf des Körpers zum Ausdruck kommt. Es ist ein erstaunliches Phänomen, daß das Blut, das vom Herzen weggepumpt wird, daran gehindert wird, durch denselben Kanal zurückzufließen, ähnlich wie der Saft, der in den Baum hinaufsteigt und auf einem anderen Weg wieder zurückkommt. Judge fährt fort: "In diesem Sinne repräsentiert die Klappe in unserer Blutzirkulation den Abgrund hinter uns, über den wir nicht zurückkehren können. Wir befinden uns in der großen allgemeinen Zirkulation und sind gezwungen, ob wir wollen oder nicht, dem Impuls nach vorn zu gehorchen" (S. 131).

Im Verlauf eines Lebens kommen wir an viele Wendepunkte, und jedesmal, wenn wir eine selbstlose Entscheidung treffen, überschreiten wir praktisch einen kleinen Abgrund. Manchmal machen wir in aller Stille innere Fortschritte, ohne daß wir uns lange Zeit einer Änderung bewußt werden. Dann empfinden wir plötzlich ganz anders, und wir wissen, daß von diesem Augenblick an unser Leben einen neuen Verlauf nehmen und einen neuen Sinn haben wird. Zu anderen Zeiten verläuft alles glücklich, bis sich etwas Tragisches ereignet und wir uns letzten Fragen gegenübergestellt sehen, mit denen wir uns bisher vielleicht nicht befaßt haben, weil wir uns möglicherweise von angenehmen äußeren Umständen haben leiten lassen. Nach einer solchen Erfahrung sind uns Dinge, die bis dahin wichtig waren, unbedeutend, und andererseits werden Dinge, die früher unbeachtet blieben, in ihrer tieferen Bedeutung erfaßt. Nur dadurch, daß wir diese kleineren und größeren Abgründe im Verlauf der Jahre überqueren, beginnen wir, die Disharmonie zwischen unseren verschiedenen Wesenheiten aufzulösen.

Das Leben selbst ist der Kampfplatz, auf dem wir mit den verschiedenartigen Neigungen unserer Natur streiten. Daher ist es nur logisch, daß spiritueller Fortschritt aus unserer Reaktion auf die Ereignisse des Lebens, mit denen wir uns täglich auseinandersetzen, erzielt wird. Wenn man die äußere und die innere Pflicht in Übereinstimmung bringen will, gerät man oft in Zwiespalt. Gerade der Ernst unseres Verlangens, vorwärts zu schreiten, unseren persönlichen Standpunkt einem höheren zu opfern, weckt die dunkleren Seiten unserer Natur. In der Bhagavad-Gita besteht die Schwierigkeit Arjunas darin, daß er sich nicht zum Kampf entschließen kann; mit anderen Worten, er kann das Opfer nicht bringen, zu dem ihn sein Höheres Selbst drängt. Das ist das Dilemma jedes aufrichtigen Menschen, ja sogar der gesamten Menschheit, denn die Ängste und Zweifel, die uns ständig bedrängen, sind unvermeidlich. Es gibt jedoch nur die zwei Möglichkeiten: jeder Schwäche oder Schwierigkeit offen ins Auge zu sehen - oder zurückzuweichen. Darin liegt die Bedeutung, wenn es heißt: "Es ist besser, die eigene Pflicht, und wenn auch nur unvollkommen, zu erfüllen, als die Aufgabe eines anderen gut zu lösen" (III, 35). Jedesmal, wenn wir einen festen Entschluß fassen, eine Situation zu meistern, gewinnen wir im gleichen Ausmaß Charakterstärke, werden wir wirklich selbst der spirituelle Weg. Kein Bemühen ist vergeblich, sondern es verstärkt die Eigenschaften, die von Leben zu Leben fortbestehen.

Die Verzagtheit Arjunas ist ein Zustand, der den meisten von uns wohlbekannt ist. Wir haben das Bedürfnis, uns irgendeiner wertvollen Sache zu widmen. Tief in unserem Herzen spüren wir, daß es einen großen Schritt gibt, der, wenn wir ihn vollführen, uns zu innerer Freiheit und Erleuchtung führen würde, aber der persönliche Mensch steht im Wege und verdunkelt unser wahres Ziel. Die Frage taucht auf: Haben wir den Mut, den blendenden äußeren Einflüssen, denen wir ausgesetzt sind, zu widerstehen, um die weniger sensationellen inneren Entscheidungen zu verwirklichen?

Der verstorbene Hindu-Philosoph Dr. S. Radhakrishnan vermittelt tiefere Einsicht in die Wahl, die jeder von uns, wie Arjuna, täglich treffen muß zwischen selbstsüchtiger Berechnung, ob er sich den "gefährlichen und überwältigenden" weltlichen Versuchungen hingibt - oder sich der "Reinheit des Selbst" unterwirft. Er schreibt:

Indem wir vielmehr unsere innere geistige Natur entwickeln, gewinnen wir eine neue Art von Bezogenheit zur Welt und wachsen in eine Freiheit hinein, in welcher die Ganzheit des Selbst nicht mehr gefährdet ist. Dann werden wir unser selbst als tätiger, schöpferischer Einzelmenschen gewahr, welche nicht durch den Zwang einer äußeren Macht, sondern aus der inneren Regel der freien Hingabe an die Wahrheit leben.

- Die Bhagavad-Gita, S. 51 (deutsche Ausgabe)

Wie leicht glauben wir, die Antworten des Lebens könnten außerhalb von uns gefunden werden, während sie seit jeher in uns liegen. Der Markt ist heutzutage mit Büchern überschwemmt, die Wunder für die Lösung unserer Probleme und Wege zur augenblicklichen Erleuchtung versprechen. Einige davon sind für die Harmonie des inneren Menschen außerordentlich gefährlich; andere befriedigen nur persönliches Geltungsbedürfnis. Viel zu viele Menschen verlassen sich heute auf Mantras, Gebete und Meditation als ihrem Schutz. In Wirklichkeit behindert jede Art von Mittler zwischen uns und unserem Höheren Selbst die natürliche Entwicklung der intuitiven Fähigkeit und beeinträchtigt nur "die innere Regel der aufrichtigen Hingabe an die Wahrheit."

Es ist außerordentlich wichtig, daß wir aus jeder Erfahrung, die auf uns zukommt, etwas lernen können. Um ein spirituelles Leben zu führen, brauchen wir keine unserer Verpflichtungen aufzugeben. Unsere "Beziehung zur Welt" hängt in Wahrheit nicht von äußeren Bedingungen ab, sondern von einer inneren Haltung. Jeder Mensch würde ohne Zweifel eine andere Antwort geben, wenn man ihn nach seiner wichtigsten Pflicht im Leben fragen würde - und er hätte recht, weil jeder von uns zufolge seiner eigenen Bestrebungen durch Gewohnheiten geprägt ist. Verkettungen von Ursachen, die in vergangenen Leben gesät wurden, und die daraus entstandenen Wirkungen beeinflussen in der Gegenwart unser individuelles Dharma; daher kommen die großen Unterschiede in der Menschheit, die verschiedenen Stufen des Bewußtseins. Je mehr der Mensch sich seiner selbst bewußt wird, desto stärker ist er sich seiner geistigen Verpflichtung gegenüber der Welt und der Wichtigkeit jedes einzelnen Entschlusses bewußt. Jeder setzt sich seinen eigenen Maßstab; bestimmt, was für ihn Vorrang hat, und um diese Werte ordnet sich die besondere Beschaffenheit seines Lebens.

In dieser Zeit, wo das Psychische und das Paranormale viele ernsthafte Wahrheitssucher verlocken, ist ein Gedanke besonders wertvoll: Der spirituelle Weg ist natürlich und anspruchslos und wird in keiner Weise aufgezwungen. Er ist mehr eine Frage der Einstellung als eine Beschäftigung mit diesen Dingen. Er stiehlt sich ins Herz und verjüngt das ganze Wesen. Er ist für die ganze Menschheit und braucht niemals mit Geld erkauft zu werden. Die einfachsten Pflichten - wenn sie getreulich erfüllt werden - spiegeln den wahren religiösen Geist wider, sie zeigen den wirklichen Wert eines Menschen und haben einen positiven Einfluß auf alle, mit denen wir zu tun haben. Folgende ermutigende Worte stammen von einem Menschen, der den Adel des vollen Menschseins erreicht hat:

Erscheint es Ihnen zu gering, daß das vergangene Jahr nur mit "Familienpflichten verbracht wurde?" ... Glauben Sie mir, mein "Schüler", der Mann oder die Frau, die von Karma mitten in kleine, einfache Pflichten und Opfer gestellt wurden und Aufgaben zu erfüllen haben, die liebevolle Fürsorge verlangen, diesen Menschen werden, wenn sie diese Aufgaben getreulich erfüllt haben, größere Verantwortlichkeiten zugeteilt werden, wobei sie der ganzen Menschheit ein höheres Maß an Pflicht, Opfer und Barmherzigkeit darzubringen haben.

- The Mahatma Letters, S. 372

Das Kräftespiel und die gegenseitige Beeinflussung im Bereich des Lebens sind unendlich, denn großartig und voll unzähliger Möglichkeiten ist der Mensch. Setzt man der Entwicklung der Menschheit willkürliche Grenzen, so verleugnet man damit eine große Erbschaft. Noblesse oblige - unsere königliche Abstammung aus vergangenen Zeiten verpflichtet uns, mit vollem Bewußtsein dem Pfad des Mitleids zu folgen und dem persönlichen Selbst zu entsagen. Seit unzähligen Äonen sind menschliche Seelen den vielbenutzten Pfad der inneren Entfaltung gegangen und haben dabei nach und nach die widerstreitenden Elemente ihrer Natur im Schmelztiegel der irdischen Erfahrung in Einklang gebracht.

Fußnoten

1. Bhagavad-Gita, Recension with Essays. [back]